Die Argumentation, daß ein Hochschuldiplom einen entscheidenden Vorteil im Bewerbungsprozeß bringt, wird immer öfter in den Hintergrund gerückt. Von nun an sind die Fähigkeiten und die sogenannten „Soft Skills“, also persönliche Kompetenzen, soziale Kompetenzen und methodische Kompetenzen, die wichtigen Werte.

Diese Tendenz ist nicht neu aber sie wird in den großen Internationalen Unternehmen immer öfter bestätigt: die Bewertung eines Diploms ist im Begriff an Bedeutung zu verlieren. In einigen Fällen fehlt die Frage nach dem Diplom im Bewerbungsprozess komplett. Die Bewertungsseite für Unternehmen „Glassdoor“ hat erst eine Liste von Firmen veröffentlicht, in denen der Besitz eines Diploms nicht mehr notwendig ist und auch nicht mehr nachgefragt wird. Im besten Fall könnte ein Abschluß einer renommierten Universität oder einer Wirtschaftsschule ein „+“ sein.

 

Wissenschaftliche Qualifikation dennoch wichtig

Diese Liste, veröffentlicht durch die amerikanische Nachrichtenseite „Quartz“, beeinhaltet auf der einen Seite Technologie-Giganten wie Google, Apple oder IBM aber auch multinationale Unternehmen wie die Beratungs- und Wirtschaftsprüfungskanzlei Ernst & Young oder Starbucks. Dennoch sollten Studenten und junge Arbeitsnehmer nicht dem Glauben verfallen, ein Diplom sei komplett unwichtig geworden. Ein Abschluß von Stanford oder der École Polytechnique bei Paris hat auch heute nichts an seinem Wert verloren, vor allem wenn es um verantwortungsvolle Positionen geht. „Die wissenschaftliche Qualifikation wird immer berücksichtigt werden und sie bleiben ein wichtiges Kriterium bei der Einstellung, aber sie wird kein Hindernis mehr für den Zugang sein“, sagte Maggie Stilwell, Partner bei Ernst & Young.

Der Begriff „Kompetenz“ ist entscheidend und Google war einer der Pioniere dieses Trends. Der US-Riese hat schnell verstanden, daß die Verbindung zwischen der Intelligenz bei der Arbeit und einem Schulabschluss nicht sehr bedeutend ist, und daß sie nicht ihre Leistung steigern werden nur weil sie Kandidaten aus den gleichen renommierten Schulen rekrutieren. Bei IBM haben in etwa 15% der neu eingestellten Mitarbeiter keinen Hochschulabschluß. Der CEO von IBM, Virginia Rometty erklärte, daß für Technologie-Konzerne nicht das Diplom sondern das Lernen „on the job“ ein großer Bestandteil des Karriereweges sei.

 

Abschluß kein wesentliches Kriterium mehr

Auch in Frankreich hat eine Studie von Jobcentern festgestellt, daß diese Trends immer stärker werden. 59% der Arbeitgeber sagen, daß der Abschluß kein wesentliches Kriterium mehr ist. Eine weitere Studie stellt fest, daß das Vorhandensein von „Soft Skills“ wesentlich stärker nachgefragt wird. Für 60% der Arbeitgeber sind diese persönlichen Kompetenzen, wie zum Beispiel die Fähigkeit sich anzupassen, sich zu organisieren oder eine bestimmte Autonomie wichtiger als die „technischen Fähigkeiten“. Die Arbeitsämter in Frankreich erklären, daß 20.000 Menschen im Jahr 2018 von dieser Einstellung profitieren werden und im Jahr 2019 diese Zahl auf 80.000 ansteigen wird.

„Die Persönlichkeit der Kandidaten, ihre emotionale Intelligenz und Empathie sind Elemente, die mehr und mehr an Bedeutung gewinnen im Rekrutierungsprozeß, vor allem bei Positionen wie Ingenieure und andere Gewerbe, die grundsätzlich weniger auf die Kommunikation fokussiert sind“ erklärt Charles-Henri Dumon, Gründer und Vorstand der Rekrutierungsfirma Morgan Philips. „Grundsätzlich“, meint er, „ein Informatiker, der auch Empathie besitzt, ist Gold wert, andererseits sollte man besorgt sein wenn man das Profil eines Musterschülers vor
sich hat“.

Wie sich diese Einstellung um Zuge der Digitalisierung behaupten wird, bleibt abzuwarten. Wissen wir doch, daß besonders Fach- und Spezialkräfte am stärksten davon betroffen sein werden. Ob ein Diplom nicht dann wieder zu einem wichtigen Unterscheidungs- und Alleinstellungsmerkmal werden wird?


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.